Der Eine will, dass alle 30 fahren. Der nächste will mehr Präsenz für sein Sicherheitsbedürfnis. Wieder Andere wollen unerkannt durch die Nacht kommen. Jeder will sein Recht und Alle wollen dass es den Anderen erwischt.

Doch wer ist das, der sich das Schicht für Schicht antut? Welche Menschen sorgen für unsere Sicherheit, kümmern sich um die lichtscheuen Gestalten der Nacht? Um auf diese Frage eine Antwort zu finden haben wir die Beamtinnen und Beamten der Polizeiinspektion 2 Wache Oppau eine ganze Nacht begleitet.
Was als normaler redaktioneller Artikel geplant war, entwickelte sich im Laufe der Schicht zu einem spannenden Einblick in den Alltag der Beamtinnen und Beamten der PI2.

Eintreffen auf der Wache

Um 19:30 Uhr treffe ich mich mit Dienstgruppenleiter Hauptkomissar Michael Horst 40 Jahre verheiratet und 1 Kind. Doch nicht nur er gibt mir überraschende Einblicke in seine Denkweise, sein „normales“ Leben ausserhalb des Dienstes auch von seinen Mitarbeitern erfuhr ich Dinge, die dem Bürger üblicherweise verborgen bleiben.

Seine Dienstgruppe besteht aus:

Kommisar Veit Wesser 42 Jahre alt vh 1 Kind im Polizeidienst seit 1992, vorher Schlosser und glücklich mit seiner Wahl.
Kommisarin Juliane Stumm, 28 seit 10 Jahren im Polizeidienst kam direkt nach dem Abitur nach Oppau. (hierher)
Florian Wack 23 Jahre seit 2006 im Polizeidienst kam ebenfalls direkt nach dem Abitur
Oberkommisar Reiner Pfeiffer 44 Jahre alt seit 1992(?) im Polizeidienst, gleich nach der Schule mit 16
Michael Horst, 40 Jahre alt vh, 1 Kind, seit 1992 im Dienst, Bundeswehr und Maschinenbaustudium
Kommisar Jennifer Lorenz, 28 seit 2006 im Polizeidienst, studierte vorher Umweltwissenschaften
Oberkommisar Thorsten Ringel, 34, seit 1999 im Polizeidienst, nach Abitur und Zivildienst zur Polizei
Die Dienstgruppe empfinden die Beamtinnen und Beamten als Familie und bescheinigen alle ein gutes Klima.
Auch die privaten Kontakte werden untereinander gepflegt.

Wie es denn mit den Sozialen Kontakten aussieht will ich wissen?

„Es ist schwierig. Wenn dein Partner nicht ebenfalls bei der Polizei ist, dann muss er viel Verständnis aufbringen. Die Schichtarbeit erfordert viel Geduld. Mein Freund arbeitet bei der Polizei in Lu. So ist das Verständnis höher und macht es einfacher“
sagt Juliane Stumm

Gibt es Ärger und Beschwerden über die Beamten?

Die Beschwerden gegen uns sind verschwindend gering. Im ganzen Jahr ca. 3 Stück. Das ist nach Aussage des Dienstgruppenleiters „sau wenig“. Darauf kann er mit Recht stolz sein.
Die Beschwerden kommen üblicherweise von Bürgern, die sich nicht richtig „bedient“ fühlen.

„Der Bürger hat eine Wunschvorstellung und Erwartungshaltung, die sich nicht immer mit unserer Realität deckt“
sagt Michael Horst und er liefert auch gleich das passende Beispiel.
Da war der Fall eines Bürgers, dessen Auto in einer Tiefgarage stand und mit Löschschaum eines Feuerlöschers „verschmutzt“ wurde. Laut Aussage des Bürgers handelt es sich natürlich um Sachbeschädigung.
Horst musste den Bürger aufklären, dass es sich eben nicht um eine Sachbeschädigung handelt.
„Bleibt ein dauerhafter Schaden?“ – Nein
„Wie hoch sind die Reinigungskosten“? – „ca. 80 Euro – vielleicht.
Jursitischer Fakt: Sachbeschädigung liegt nur dann vor, wenn es sich um einen bleibenden Schaden handelt.
Dann stellte sich heraus, dass der Feuerlöscher kaputt gegangen war. In diesem Falle handelt es sich um eine missbräuchliche Benutzuzng einer Notfalleinrichtung und ist somit anzeigewürdig.
Um es abzukürzen. Der betroffene Bürger beschwerte sich über den Polizeipräsident schriftlich und behauptete, dass der Beamte offensichtlich keine Lust hätte … usw..
Folge: Der betroffene Beamte musste schriftlich Stellung nehmen mit dem Ergebnis, dass für diesen Bürger nichts getan werden konnte. Der Beamte bewegte sich letztlich auf dem Boden des geltenden Rechts.

„Das ganze Problem ist die Erwartungshaltung des Bürgers, die wir meistens nicht erfüllen können. Und nicht, weil wir nicht wollen, sondern weil es dafür keine Rechtsgrundlage gibt. Nun müssen wir über alles, was während einer Schicht passiert eine Akte anlegen. Trotzdem kommen dann so Fälle, wie der eben geschilderte noch hinzu.“
sagt Horst.

Ob es bei Meinungsverschiedenheiten auch mal laut zu geht und wo die Grenze ist, wollen wir wissen?
Es gibt natürlich eine Grenze, wenn die überschritten ist, dann werde ich auch mal laut. Später in der Stellungnahme, wenn es zu einer solchen kommt, begründe ich dann warum ich laut werden musste. Doch zunächst versuche ich und meine entsprechend geschulten Beamten deeskalierend zu wirken. Und meistens hat der Gegenüber ein Einsehen, so dass wir uns relativ normal einigen können.

Schnell stellt sich heraus, dass der Beruf des Polizeibeamten durchaus abwechslungsreich ist – in jeder Hinsicht.
Fingerspitzengefühl, Psychologie, Durchsetzungsvermögen, Anpassungsfähigkeit, Flexibilität, gute Nerven, Besonnenheit. Das sind alles die Eigenschaften, die ein Beamter heute mitbringen muss. Dass dies nicht nur ein Werbespruch für den Beruf ist, erfahre ich noch mehrmals in dieser Nacht.

Was seine normale Tätigkeit als Dienstgruppenleiter alles umfasst frage ich ihn?
Er kümmert sich um die gleichmässige Verteilung der täglichen anfallenden Arbeiten, wie Kontrollen, Haftbefehle, Strafsachen, Vernehmungen, Anzeigen etc.

„ich muss meinen Beamten natürlich auch die Zeit für den Schreibkram einräumen. Ich kann nicht kommen und sagen dass nichts gearbeitet wird, wenn auf der anderen Seite der Beamte keine Zeit dazu hat. Also schaue in den PC und sage dann dem Beamten Bescheid, dass er oder sie noch einiges an Schreibvorgängen zu erledigen hat und damit anfangen soll. Da ansonsten immer mehr aufläuft. Und das geht eben nicht.“
Er zeigt mir den Fernschreiber. Hier laufen bundesweit alle Meldungen durch, die für alle Dienststellen interessant sind. Ob bspw. eine reisende Tätergruppe unterwegs ist, ein Anschlag droht oder sonst in irgendeiner Weise die Sicherheit auch vor Ort hier im Ortsbezirk bedroht sein könnte.
Das bedeutet, wenn es in der Meldung heisst, dass in Frankfurt vermehrt Einbrüche in einer Filiale einer grossen Elektronikkette auftreten, dann fahren vielleicht verstärkt bei einer Filiale dieser Kette in unserem Bezirk vorbei und kontrollieren.

„Oder es gibt eine neue Waffe. Ein Messer oder ein umgebautes Feuerzeug. Alles das wird über ein solches System bundesweit ausgetauscht. So bleiben wir immer auf dem neuesten Stand. Und das kann unter Umständen sehr wichtig für uns sein.“
Manche Mitglieder bestimmter Motorradgruppen befestigen ihre Waffen an bestimmten Stellen am Motorrad. Dann wissen wir welchen Abstand wir halten müssen und wie wir uns am sichersten verhalten. Das ist das wichtige Thema Eigensicherung.

Wie es denn mit Tätergruppen aus Osteuropa aussieht will ich wissen?

„Diese Täter gehen mit äusserster Brutalität vor. Die nehmen auf nichts Rücksicht. Denn alles was die mitnehmen ist ein Gewinn. Und so gehen diese Täter vor. Deswegen müssen meine Beamten doppelt vorsichtig sein. Wir hatten Verfolgungsfahrten in deren Verlauf die Täter über jegliche Grenzen gingen. Das Leben des Polizisten ist nicht unmittelbar bedroht. Dennoch flüchten diese Täter mit allen erdenklichen Mitteln um sich dem Zugriff der Polzei zu entziehen.“

Ob der Beruf für ihn gefährlich?, ist frage ich:

„Ja, doch die Gefährlichkeit wird durch eine professionelle Vorgehensweise deutlich minimiert. Auch aus diesem Grund ist Information und Eigensicherung so wichtig. Ein gewisses Restrisiko bleibt. Und die Routine ist unser ärgster Feind. Deshalb rufen wir uns immer mal wieder die Vorsicht ins Gedächtnis zurück.“
Der Chef – Wie ist er denn nun?
Ich will wissen, ob er denkt, dass er ein guter Chef ist?

„Ich versuche es zumindest. Es gelingt mir nicht immer. Ich kann es nicht jedem Recht machen. Naja am Anfang als ich dazu kam, war ich etwas wilder. Mit den Jahren und der Erfahrung bin ich ruhiger geworden. Ich versuche mit professioneller Gelassenheit die Dinge anzugehen.“
Von seinen Kollegen erfahren wir, dass er ein fairer Chef ist, der sich auch kritisieren lässt. Auch aus diesem Grund wird er respektiert.

„Wenn ich mit Kritik konfrontiert werde, dann denke ich in jedem Fall drüber nach. Auch wenn der Ton vielleicht nicht passend dazu rüberkommt. Ich muss kritikfähig sein – in diesem Job. Herr Frey und ich haben in vielen Dingen die gleiche Denkweise. Setzen uns aber auch mal hart auseinander. Das gehört dazu.
Ich denke und hoffe, dass meine Mitarbeiter sehr zufrieden mit mir sind – Ich bin sehr mit ihnen zufrieden, gerade weil wir so offen miteinander umgehen“
sagt er mit einem Grinsen im Gesicht.

Und als wenn das noch nicht genug wäre, legt er er nach.

„In Mitarbeitergesprächen kläre ich, wo willst du beruflich hin?. Und was können wir gemeinsam tun, dass du dieses Ziel erreichst. Ist dein Ziel realistisch oder nicht. Die Entwicklung meiner Beamten steht für mich im Vordergrund.
Ich stehe hinter meinen Leuten, wenn sie sich ordentlich verhalten.
Ich bestrafe Keinen, wenn er mal einen schlechten Tag hat. Das hat jeder von uns auch. So wissen meine Beamten, dass ich hinter ihnen stehe. Und so kann ich mich auf jeden Einzelnen 100%ig verlassen.“
Da könnten sich viele Chefs in der freien Wirtschaft eine Scheibe abschneiden. Eine solche Denkweise ist in der heutigen Zeit eher ungewöhnlich.
Während des gesamten Interviews strahlt er Souveränität und Professionalität aus. Dennoch menschlich und zugänglich.

Er legt sehr grossen Wert auf Offenheit und auf Ehrlichkeit. Auch beim Bürger ist das für ihn wichtig.

„Der Bürger erwartet von mir Ehrlichkeit und sind manchesmal geschockt, wenn ich die Dinge sehr klar beim Namen nenne. Im anderen Fall würde ich lügen und das kann ich nicht.
Es ist eine Einstellung, die in der Familie anfängt. Wenn die Eltern als Vorbilder sich gegenseitig anlügen, dann sieht das Kind, dass es der Papa auch macht und somit ist es nicht mehr schlimm.
Im anderen Fall sieht das Kind, dass die Eltern sich vielleicht Dinge sagen, die unter Umständen weh tun. Trotzdem lernt das Kind damit sehr früh den Umgang mit der Ehrlichkeit“.
Raus in die Nacht
22:45 Uhr
Ich werde freundlich eingeladen auf die erste Fahrt im Streifenwagen. Es geht nach Friesenheim. Am Anfang fragt mich einer der Beamten
„Sie sind doch von dem Oppau Info Blatt“. Ich wehre mich und kläre ihn auf. „Wir sind kein Blatt“. „Wir bewegen uns in den neuen Medien“ Während den ersten Metern überlege ich mir, ob es nun ein Vorteil oder ein Nachteil ist, dass der Beamte sowenig von uns weiss.
Nun mit dieser Reportage haben wir die Dinge ohnehin geändert.

Ich will wissen, nach welchen Kriterien entschieden wird, wer kontrolliert wird?

„Es ist eine reine Erfahrungssache. Wir schauen nach dem Alter, wenn möglich ein Blick ins Gesicht. Natürlich achten wir vorrangig auf verdächtiges Verhalten.
Dann die erste Kontrolle.

23:00 Uhr.
Am Ruthenplatz in Friesenheim halten die Beamten einen älteren Mann auf dem Fahrrad an. Nun erlebe ich, wie eine solche Kontrolle abläuft und erfahre viel über die Hintergründe. Zunnächst einmal versuchen die Beamten herrauszufinden, ob das Fahrrad gestohlen ist. Dies gestaltet sich als durchaus schwierig. Der Beamte klärt mich auf.

„Wenn wir ein gestohlenes Fahrrad finden, dann sitzt der Dieb meistens obendrauf“.
Über Funk meldet sich der Beamte bei der Leitstelle im Polizeipräsidium in Ludwigshafen. Zuerst gibt er die Lage der Kontrolle an, damit die Leitstelle weiss wo die Besatzung steckt. Dies ist unter Umständen eine Lebensversicherung.

Während der eine Beamte die Kontrolle durchführt, will ich von dem anderen Kollegen wissen, ob er ein bestimmtes Schema hat und gezielt durch die Strassen fährt?. Er verneint. Allerdings bevorzugen sie stark frequentierte Strassen.
Die Kontrolle, zu der der zweite Beamte mittlerweile dazu gegangen ist zieht sich in die Länge. Am Ende lag gegen den Mann nichts Aktuelles vor. Eine Personalienüberprüfung erbrachte allerdings eine grössere Liste an Vergehen und kleineren Straftaten aus der Vergangeheit. Dabei war es soch nur ein kleinerer, älterer Mann mit einem Fahrrad. Ich lerne in diesem Moment dazu.

Es wird mir mir klar, dass es sich nachts eben doch um vorwiegend lichtscheue Gestalten handelt und dass die Kontrollen ihre Berechtigung haben.

00:00 Uhr
Weiter geht es in Richtung Sternstrasse. Dann sehen die Beamten einen grösseren BMW. Sie hängen sich hintendran und fahren erstmal mit Abstand. Dabei überprüft der Beifahrer das Kennzeichen mit einem kurzen Anruf in der Leitstelle.

„Eine Verkehrskontrolle auf der Sternstrasse. Ein Kennzeichen Rheinpfalzkreis ——– Ein BMW mit einer Person“
In diesem Moment schaltet er das Blaulicht an damit der Fahrer weiss, dass er unverzüglich bei der nächsten Möglichkeit anhalten muss.

„Im Idealfall überprüfen wir das Fahrzeug erstmal über Funk und stoppen dann“
sagt der fahrende Beamte. Der BMW bremst sehr hart.

„Der reagiert schnell. Der ist es vielleicht nicht gewohnt kontrolliert zu werden.“
sagt der Beamte schmunzelnd. Dann steigen beide aus und führen die Kontrolle durch. Das Kriterium zum Anhalten war hier: Augenscheinlich junger Fahrer und ein grosses Auto. Er erzählte den Beamten dass er Autorennen professionell fährt. Später sagt uns einer der Polizisten, dass seine ganze Art und Aussprache sehr langsam war und im Grunde nicht zu seinem Sport passt. Dennoch auch hier gab es nichts auszusetzen. Freundlich wünschten ihm die Polizisten eine gute Weiterfahrt.

Was sie am meisten ärgert, will ich wissen?

„Wenn wir angelogen werden. Wir sind nicht blöd und spüren sehr schnell, dass wir angelogen werden. Besser ist es ehrlich zu sein. Dann lässt sich Vieles besser angehen“.
Der modrige Hauch deutscher Geschichte – Die Wache Kohl
Nun folgt das Pflichtprogramm. Wir fahren in die Marbacherstrasse und halten an einem unscheinbaren Gebäude.“Das ist die „Wache Kohl“. „Eine eigene Wache hat er also, der Alt-Bundeskanzler“. Ich bin beeindruckt. Wir gehen hinein. Drinnen begrüsst uns eine Beamtin der Bereitschaftspolizei Rheinlandpfalz. Überall Monitore. Das gesamte Anwesen ist kameraüberwacht. Kein Winkel bleibt im Dunkeln. „Dr. Kohl ist nicht zuhause. Er befindet sich zur Zeit in Berlin“, erfahre ich. Der zweite Beamte ist gerade auf Aussenstreife um das Haus und das Gelände. Die perfekte Überwachung. Obwohl es alles sehr langweilig aussieht müssen die dienstuenden Beamten immer auf der Hut sein und alles im Blick haben. Schliesslich gilt Dr. Kohl immer noch als gefährdete Person und potentielles Zielobjekt.

Fotos waren leider nicht erlaubt um die Sicherheit nicht zu gefährden. Ein Hauch von Geschichte liegt, wenn auch modrig, dennoch in dieser Luft.
Nachdem sich die Beamten von der Wache in Oppau ins Wachbuch eingetragen haben verabschieden wir uns wieder und fahren weiter.

„Einmal pro Schicht fahren wir zur Wache. Kontrollieren und tragen uns ins Wachbuch ein. Keine besonderen Vorkommnisse in dieser Nacht bisher“
so der Beamte im Wagen.

Wir fahren weiter über die Frankenthalerstrasse. An der Abbiegung zum Schlangenweg führen die Beamten nach einer Kennzeichenüberprüfung eine weitere Fahrzeugkontrolle durch. Doch dieses Mal ist es etwas anders.

00:27 Uhr
Die Funküberprüfung ergab: BTM-Vergehen (Betäubungsmittelgesetz), räuberischer Diebstahl. Im KFZ befinden sich 3 junge Leute. Die Beamten fordern sofort ein zweites Fahrzeug zur Unterstützung an. Inzwischen stehen wir alle am Anfang Schlangenweg. Der junge Fahrer steigt aus. Ein kräftiger Typ dessen Leidenschaft für nonverbale Auseinandersetzungen deutlich zu sehen ist.

Die Beamten nähern sich vorsichtig. Das zweite Fahrzeug trifft ein. Ich frage die Beamtin Frau Stumm, was nun folgt?.

„Wir führen gleich eine komplette Durchsuchung aller Personen und des gesamten Fahrzeugs durch. Wir haben den Verdacht auf Drogen im KFZ.“
Das gibt eine längere Sache denke ich mir.

Der Typ lässt seine Zigarette demonstrativ an. So als ob es sich um ein cooles Treffen mit Freunden handelt. Dann geht ein Beamter mit ihm zum Urintest ins Gebüsch. Zwischenzeitlich kümmern sich andere Beamte um den Beifahrer und den Rest der coolen Gang. Alles Typen, denen ein normaler Mensch nachts keinesfalls begegnen möchte.

Der Urintest gestaltet sich etwas schwierig da der junge Mann wohl nicht ausreichend Flüssigkeit geben kann. Er hat eine Flasche Wasser bei sich. Nachdem er weiter getrunken hatte hiess es dann erstmal Warten.

00:45 Uhr
Jetzt muss auch die dritte Person aussteigen. Das entwickelt sich zusehends zu einer grösseren Geschichte.
Während der gesamten Kontrolle steht immer ein Beamter oder eine Beamtin etwas abseits um den Ablauf aus dem Hintergrund zu beobachten und abzusichern.

Dann liegt das Ergebnis des Urintests vor. Der Fahrer ist positiv bei Amphetamin und THC. Damit ist eine gründlichere Durchsuchung zwingend notwendig. Jetzt besteht der Verdacht auf Drogen im Fahrzeug. Aus diesem Grund haben die Beamten nun einen Rauschgiftspürhund angefordert.

Dann erfolgt die Belehrung des Fahrers, dass er in diesem Zustand natürlich kein Auto fahren darf. „Das weiss der ohnehin“, denke ich mir und bin mal gespannt wie das weitergeht. Für den Fahrer sind die Folgen klar. Führerscheinentzug, Geld-Strafe mit allen bekannten Folgen.

In dem Fall sehe ich wie wichtig der Job ist, den die Männer und Frauen Schicht für Schicht verrichten. So jemand muss gestoppt werden. Die Beamten sind ruhig und überlegen. Sie handeln routiniert und professionell. Sie haben die Situation voll im Griff. Der Dienstgruppenleiter Horst kann zufrieden sind. Ich verstehe immer mehr was er anfangs des Interviews über seine Kollegen und Mitarbeiter sagte.

Endlich trifft der Drogenspürhund ein und beginnt mit seiner Schnüffeltätigkeit. Ganz aufgeregt wartet die Hündin darauf dass sie von ihrem Hundeführer losgelassen wird. Nach weiteren Minuten wird die Hündin, die auf den Namen Donar hört vom Hundeführer zurückgeholt.

„Sie ist unruhig. In dem Fahrzeug sind sicherlich in der letzten Zeit Drogen gewesen. Aktuell fand die Hündin nichts. Kein Kratzen. Eben nur unruhiges Verhalten.“,
sagt mir der Hundeführer.

Was denn den Fahrer nun erwartet frage ich die Beamten?

„Das gibt 500 Euro, 4 Punkte in Flensburg und ein Monat Fahrverbot. In diesem Fall liegt allerdings keine Ordnungswidrigkeit vor. Hier handelt es sich um eine Straftat. Trotzdem ist die Abgrenzung bei Drogen schwieriger als bei Alkohol. Bei Alkohol so klärt mich der Beamte auf, liegt die Grenze bei 1.1 Promille. Das ist ein klarer Messwert. Hier vor Ort können wir nicht das Ergebnis haben. Der Urintest dient als erster Indikator, dass die Person eine bestimmte Art von Drogen konsumiert haben könnte. Genauere Werte werden später ermittelt. Wir schauen vorwiegend nach Ausfallerscheinungen, Pupillenreaktionen.“
Zu diesem interessanten Thema werde ich später von Michael Horst mehr erfahren.

Zwischenzetlich hat die Überprüfung des Fahrers ergeben, dass er im Februar wegen dem gleichen Delikt auffällig war. Auch damals handelte es sich um Drogen im Strassenverkehr. So sieht die Rechnung für ihn etwas unlustiger aus.

„Beim zweiten Mal wird sein Gewinn verdoppelt“
scherzt der Beamte. Ich rechne mal schnell:

500 Euro beim ersten Mal
1000 Euro beim zweiten Mal
2x Blutuntersuchung 160 Euro
2x ärztliche Untersuchung zur Nachtzeit ca. 200 Euro
Und weiter:
Bei Amphetamine ordnet die Führerscheinstelle eine MPU an und die wird richtig teuer. Das kann je nach Durchfallquote gute 3000 Euro machen.

Als Wiederholungstäter kann es ihm nun passieren, dass er seinen Führerschein eine sehr lange Zeit nicht mehr machen darf. Und wenn es soweit sein sollte. Dann kostet der Führerschein wieder die üblichen Gebühren.

So alles in Allem reden wir hier von 7000 Euro aufwärts und eine sehr lange Wartezeit auf den Führerschein, mit regelmässigen Drogentests.
„Ein Urlaub in der Karibik kommt dann in jedem Falle cooler“, denke ich mir. Das ist nun die richtig dicke Nummer für den jungen Mann.

„Der hat sich im Grunde genommen alles versaut“, stellt der Beamte im Gespräch fest. „Es ist eben kein Kavaliersdelikt – das hätte er vorher sich überlegen müssen.“
Und wie sieht seine Zukunft aus, will ich wissen.

„Nun heute im Job ohne Führerschein haste ein richtiges Problem. Seine beiden Mitfahrer sind polizeibekannt. Das bedeutet er bewegt sich in den entsprechenden Kreisen. Und wenn er keinen Halt findet wird er völlig abrutschen – Das Milieu kennt er jedenfalls bereits. Und das ist nicht gut.“
Bei allem Mitleid für das Schicksal des jungen Mannes. Solche Typen müssen aus dem Strassenverkehr gezogen werden. Darüber sind wir uns alle einig.

Wir fahren zurück zur Dienststelle. Ein weiteres angefordertes Fahrzeugt verbrachte den Fahrer auf die Wache um dort alle weiteren Massnahmen einzuleiten. Ich bin gespannt was nun auf der Wache passiert.

Ich gehe durch die Tür und sehe im Nebenzimmer den jungen Mann wie ein Häufchen Elend dasitzen. Er realisiert wohl langsam was er getan hat. Dienstgruppenleiter Michael Horst fragt ihn freundlich, ob er ihm freiwillig ein paar Fragen beantworten möchte. Vorher erzählte er mir von einem Drogenerkennungsprogramm SFT, das er und seine Kollegen in einer Langzeitmassnahme bundesweit durchführen. Ziel ist es anhand von sehr spezifischen Auffälligkeiten oder Ausfallerscheingen die Drogenerkennung deutlich zu verbessern.

So unterstützt jeder Beamte dienstlich einen bestimmten Bereich oder kümmert sich um spezielle Programme.

„Einer Gründe liegt in der verbesserten Kommunikation. Das heisst wenn ich einen Kollegen habe der sich auf Drogen spezialisiert hat, dann gibt Dieser alle seine so erworbenen Kenntnisse an alle Anderen weiter. So bleiben wir immer auf dem Laufenden. Und meine Sache ist eben das Drogenerkennungsprogramm SFT“,
sagte Horst.

Der junge Mann sagt Horst für den Test zu. Horst holt den mehrseitigen Fragebogen. Ein Gehtest, ein Pupillentest mit dem Kugelschreiber. Übungen verschiedenster Art werden nun mit dem Einverständnis des jungen Mannes angewendet.

„Achten Sie mal auf die Augenbewegung“, sagt er zu mir. Und tatsächlich. So wie er es angekündigt hatte. Die Pupillen bewegen sich ruckartig. Ohne Drogen wäre diese Bewegung vollkommen ruckelfrei abgelaufen. Positiv. Er notiert sich das Ergebnis exakt. Ein Gehtest. Ausfallerscheinungen beim Zählen und beim Gehen gleichzeitig. Auch hier positiv.

„Zählen Sie im Geiste eine Minute ab und sagen Sie dann Stop“.
Bei 32 Sekunden war die Minute fertig. Unter Drogeneinfluss ist die zeitliche Wahrnehming wohl leicht beschleunigt. Das ist auch eine Art der Zeitreise, denke ich mir.

„Alle Ergebnisse wie erwartet. Der Test wird dadurch immer feiner ausgearbeitet. Die Trefferquote ist sehr hoch“,
sagt mir Michael Horst zufrieden. Die Ärztin trifft ein. Das übliche Programm. Bluttest. Dann wird die Mutter angerufen. In der Zwischenzeit redet Michael Horst dem jungen Mann nochmals ins Gewissen. Dass er auf dem falschen Weg ist. Dass es noch nicht zu spät ist um umzukehren. Der muskelbepackte Mann schaut Horst verständnisvoll an. „Na vielleicht hilft eine solche Ansage“, hoffe ich für ihn.

Dann fahren wir ein zweites Mal raus.

3:27 Uhr
In Höhe vom Oppauer Park passiert uns ein älterer Mercedes in Gegenrichtung Edigheim. Mittlerweile sind die Strassen menschenleer.
Der Beamte dreht mit unserem Wagen um und gibt Gas. Am Touring-Motel wird er gestoppt. Es stellt sich heraus, dass der Fahrer, ein älterer Mann aus Essen, so garnicht in das Raster der Nacht passt.

Deswegen „Business as usual“ und weiter geht es in die Pfingstweide.

„Ob die Pfingstweide noch ein Brennpunkt ist?“, will ich wissen.

„Nein früher war es schlimmer. Die Entvölkerung ist auch bei uns deutlich zu spüren“,
sagt der Beamte.

Wir halten am Einkaufszentrum in der Pfingstweide. Einer der Beamten glaubt Jugendliche oder junge Personen gesehen zu haben. Wir steigen aus. Mit Taschenlampe bewaffnet machen wir uns über die Rampe auf den Weg ins EKZ. Draussen auf der Fussgänger-Brücke sieht er Personen die sich schnell in eine Richtung wegbewegen. Das ist grundsätzlich nichts Verbotenes. Trotzdem wollen die Beamten dran bleiben. Wir gehen zurück zum Streifenfahrzeug. Nach kurzer Fahrt sehen sie einen PKW. Die Insassen sind wieder junge Männer. Es folgt auch hier eine Kontrolle. Das könnten die sein, die eben wegliefen.

4:00 Uhr
„Wir wissen in etwa wer um diese Uhrzeit auf unseren Strassen unterwegs ist. Und dass diese beiden jungen Männer nicht von der BASF kommen ist unschwer zu erkennen.“,
witzelt Einer.

Das sieht nach einer längeren Kontrolle aus. Allerdings unnötig von den Beiden Kontrollierten in die Länge gezogen. Einer der Beiden sagt zu den Beamten „… damit steigert ihr wohl das Bruttosozialprodukt“. Nichts Dramatisches. Eben die üblichen Sprüche die die Beamten jede Schicht zu hören bekommen. Gerade ausländische Mitbürger wollen so den Polizisten zeigen, dass sie sich wenig gefallen lassen. Trotzdem nur Imponiergehabe und Gegackere. An der Kontrolle ändern solche unintelligenten Äusserungen ohnehin nichts. Ausser dass es Alles ein wenig in die Länge zieht. Dann folgt der Alkoholtest. Ich zweifle stark, ob dieser junge Mann überhaupt weiss was ein Bruttosozialprodukt ist und wie es berechnet wird. Ausserdem denke ich, dass er zu dem Selbigen nicht viel beiträgt.

Vielleicht wäre es hilfreich, wenn er in seinem Heimatland mit der heimischen Polizei so diskutieren würde. Doch das traut er sich nicht.
Demokratie hat eben immer mehrere Seiten.

Nach Beendigung der Kontrolle dürfen die Vögel der Nacht weiterfahren. Auch ihnen wünschen die Beamten eine gute Weiterfahrt.

Wir fahren zurück zur Wache. Die Schicht ist fast zu Ende. Was nun folgt ist der unvermeidliche Verwaltungskram. Mitteilungen an die Führerscheinstelle. Protokolle, Vernehmungen. Das ist der Teil, der Kindern immer verschwiegen wird. Also nicht nur mit Blaulicht herumfahren.

Michael Horst frage ich nach dem neuen Gebäude und ob sich Alle drauf freuen.

„Wir freuen uns sehr. Wir sind in die Entscheidungsprozesse miteingebunden worden. So konnten wir bei der Wandfarbe und der Auswahl der Möbel mitentscheiden. Die Führung will dass wir uns wohlfühlen“.
In seiner Stimme schwingt stolz. Ein toller Arbeitgeber.

Auch die Zweckmässigkeit wurde von uns getestet und besprochen. Ob bspw. die Gewahrsams-Zellen so funktionieren wie sie in der Praxis sollen, wenn es mal schnell gehen muss. Im Bedarfsfall wird dann nochmal nachgebessert. Das neue Gebäude ist richtig HighTech erfahre ich.

„Im alten Gebäude hatten wir teilweise bis zu 30 Grad im Sommer. Das hat Laune gemacht. So in der kompletten Uniform dazusitzen“ sagt mir Reiner Pfeiffer. „Im neuen Gebäude haben wir bedingt durch die Art der Bauweise und der Belüftung diese Dinge nicht mehr“
Ich stelle mir das wirklich unwitzig vor. So mit Weste und voller Montur in 30 Grad.

„Im Winter ist es eine Art Deckenheizung und im Sommer nehmen wir Diese als Kühlung“ erklärt Horst.
Es ist Zeit mich zu verabschieden. Alle Beamten und Beamtinnen der Dienstgruppe um Michael Horst haben mir in dieser Schicht ehrlich und ungeschminkt meine Fragen beantwortet. Es ist ein beruhigendes Gefühl, zu wissen dass wir, wenn wir nachts schlafen, von einem solch professionellen Team beschützt werden.

Vielleicht sieht der Eine oder Andere, wenn er das nächste Mal mit den Beamten zu tun hat, die Dinge etwas entspannter, denn es handelt sich um Menschen wie du und ich. Mit Wünschen, Ängsten und Sehnsüchten, die sich trotz des gefährlichen Berufes ihre Menschlichkeit bewahren.