Hüter Georg

Geboren: Donnerstag, 31 März, 1870
Ermordet: Freitag, 10 März, 1933

In Oppau geboren und ermordet. Eine Anekdote aus seinen jungen Jahren. Eine alte Aufnahme von 1911 verrät, dass beim Oppauer  Bierstreik Georg Hüter als 41-jähriger mit von der Partie war. Der Grund für den Streik war die Verteuerung von einem Stein Bier (= 1 Liter) auf 26 Pfennige.

Am 10. März 1933, dem Tag der Machtübernahme Hitlers, wurde er vor dem Rathaus in Oppau erschossen.

Sein Grabstein wurde von Bildhauerin Käthe Burkhard gestaltet. OB Bockelmann weihte ihn am 7.5.1956 ein. Die Gedenktafel wurde am 8.3.1953 am Oppauer Rathaus, an der Stelle  angebracht, an der er erschossen wurde.

Hüter Georg, Der Mord

Günter Janson, einer der letzten Zeitzeugen des Mordes an dem Oppauer Sozialdemokraten und Reichsbannermann Georg Hüter hat in seinen Erinnerungen die Geschehnisse vom 10. März 1933 festgehalten und der Nachwelt überliefert. Diese Erinnerungen zeigen auch, wie aufrechte Männer für ihre demokratische Überzeugung Inhaftierung und Tod in Kauf nahmen. Das dritte Reich beginnt in Oppau mit einem politischen Mord und ebenso endet es auch.

Oppau.info zitiert aus dem Buch „Günther Janson – Erinnerungen“, mit freundlicher Genehmigung der Herausgeberin und langjährigen Lebensgefährtin von Günther Janson, Inge Brodbeck, die persönlichen Eindrücke des damals 13-jährigen an diesen Tag.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 10. März 1933 in Oppau.

Erlebt und nachgezeichnet

Als Dreizehnjähriger habe ich den Kampf der Oppauer SPD gegen die Nationalsozialisten, deren Machtergreifung am 10. März 1933 miterlebt, miterlitten. Trotz Armut und Not, einer verzweifelten Situation in der ersten deutsche Republik, stand in meinem Heimatort Oppau die Mehrheit der Bürgerschaft zur Demokratie, zur SPD, der dominierenden politischen Kraft, die mit großem Einsatz die Republik verteidigte.

Der Reichsbanner „Schwarz-Rot-Gold“, die Schutzorganisation der SPD, war immerhin 150 Mann stark. Unter der Führung des Lehrers Fridolin Braun, war die Truppe nicht nur in der eigenen Stadt, sondern in der ganzen Vorderpfalz im Einsatz. Sie begleitete, beschützte den Gauvorsitzenden des pfälzischen Reichsbanners, den Ludwigshafener Reichstagsabgeordneten Friedrich Wilhelm Wagner, der an vorderster Front gegen die Nationalsozialisten kämpfte, für die Republk, für die Freiheit. Vergeblich.

Am 30. Januar 1933 wurde der Führer der NSDAP, Adolf Hitler, vom Reichspräsidenten von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt, der ein Kabinett der „Nationalen Konzentration“ bildete, per Notverordnung den Reichstag auflöste und Neuwahlen auf den 5. März 1933 festsetzte. Vor dem Wahltag, am 27. Februar 1933, brannte das Reichstagsgebäude. Noch in der Brandnacht wurden im ganzen Reich rund 10 000 Personen, zumeist Kommunisten, aber auch Sozialdemokraten, verhaftet und eingesperrt. Überraschend schnell, am nächsten Tag, dem 28. Februar 1933, wohl schon vorbereitet, wurden mit der Notverordnung „Zum Schutz von Volk und Staat“ wesentliche Grundrechte der Verfassung außer Kraft gesetzt:

Die Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit, das Postgeheimnis, die Unverletzlichkeit von Wohnung und Eigentum. Für Taten des aktiven Widerstandes gegen die Verordnung drohte die Todesstrafe. In einer Atmosphäre des Terrors fand am 5. März 1933 die Reichstagswahl statt. Bei einer Wahlbeteiligung von 88,7 Prozent, konnte Hitlers Partei, die NSDAP, 43,9 Prozent der Wähler für sich gewinnen, verfehlte aber die angestrebte absolute Mehrheit. In meinem Heimatort Oppau konnte die SPD ihren Stimmenanteil von 36,6 auf 38,5 Prozent verbessern und blieb stärkste Partei Wogegen die Nationalsozialisten nur 30 Prozent der Stimmen erhielten. Der enttäuschte, wohl auch wütende „Führer“, ordnete fünf Tage nach der Reichstagswahl die totale Machtergreifung durch seine Nazipartei an. Mit dieser Aufgabe „betraute“ er den General Ritter von Epp, ernannte ihn zum Reichskommisar von Bayern, zu dem damals die Pfalz gehörte, und verlieh ihm Regierungsgewalt. Der General übte diese so aus:

Den Kampftruppen der Nazipartei, SA und SS, befahl er die Rathäuser und alle öffentlichen Gebäude zu besetzen und auf diesen, zum Zeichen der Machtergreifung, die Parteifahne mit dem Hakenkreuz zu hissen. So geschah es im ganzen Land.

Das geschah in Oppau

Am 10. März 1933, zwischen 7 und 8 Uhr morgens, drangen bewaffnete SA- und SS-Männer, Recht und Gesetz verletzend, in das Oppauer Rathaus ein und hissten im Handstreich aus dem Fenster der Polizeistation im Erdgeschoß die Hakenkreuzfahne. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von dem Willkürakt in der ganzen Stadt. Viele Mensche eilten zum Rathaus, voller Entsetzen, voller Angst, bangend um den Verlust der Freiheit.

Mitten unter der wartenden Menschenschar, die immer größer wurde, standen mein Vater und ich. So wurde ich Zeuge, was dann geschah:

Der Bürgermeister Dr. Rudolf Zorn eilte, von allen erwartet, schnellen entschlossenen Schrittes von seine Wohnung am Stadtrand herbei und stürmte ohne zu zögern auf das Rathaus zu. Ihm schlossen sich mein Vater und sein sozialdemokratischer Freund, Peter Beringer, an. In Sorge um meinen Vater und um dem Geschehen näher zu sein, ging ich nach vorne zur Rathaustreppe, dorthin, wo die Fahne mit dem Hakenkreuz aus dem Fenster hing. Ich hörte wie der Bürgermeister mit lauter, fester Stimme die SA- und SS-Männer aufforderte sofort ihre Fahne einzuholen, weil das Hissen ungesetzlich und ein Verstoß gegen die Verfassung sei. Mehrmals wiederholte er seine Aufforderung. Vergeblich.

Da ergriff der mutige Mann, von den bewaffneten Nazis behindert und bedroht, den Fahnenmast und versuchte diesen aus dem Fenster der Polizeiwache zu stoßen. Ich sah wie die Fahne sich für Augenblicke aus dem Fenster senkte, wie der Sozialdemokrat, der Reichsbannermann Georg Hüter aus der ihm umgebenden erstarrten Menschenmenge trat, entschlossen die ersten Stufen der Rathaustrappe hinaufging, sich nach der Fahne reckte, sie aber nicht erreichte. Bei einem zweiten, wiederum vergeblichen Versuch geschah es dann: Vom Rathauseingang peitschten drei Schüsse. Voller Entsetzen sah ich Georg Hüter getroffen zusammensinken, sah sein schnelles lautloses Sterben.

Dieser Tod für Freiheit und Demokratie hat mein Leben geprägt, mein späteres politische Wirken bestimmt. Ich verließ den Tatort, eilte weinend zur Mutter und erzählte ihr was geschehen war. Im Laufe des Vormittags erfuhren wir von Freunden, die zu uns kamen, was weiter geschah:

Nach den tödlichen Schüssen wurde der mutige Bürgermeister Dr. Rudolf Zorn, einziges bayrisches Stadtoberhaupt das gegen die Rathausbesezung der Nazis Widerstand geleistet hatte, verhaftet. Mein Vater, Peter Beringer und Dr. Zorn wurden in eine Zelle im Langerichtsgefängnis in Frankenthal gesperrt. Dort durften wir meinen Vater erst nach einigen Tagen kurz besuchen, abwechselnd mit der Mutter und meinem Bruder. Nach einer Woche wurde uns gestattet, ihm Mittagessen zu bringen. Jeden Tag fuhr ich es ihm mit dem Fahrrad hin. In Erinnerung geblieben ist mir die bedrückende Enge der Zelle, in der die drei Freunde inhaftiert waren. Sie fragten voller Angst nach dem, was draußen, was in Oppau, was mit den politischen Freunden geschieht, was denen droht.

Der Morgen des 10. März 1933

Am Morgen des 10. März erlebte ich mit meinen Klassenkameraden auch die Verhaftung unseres Lehrers Fridolin Braun, dem Leiter der Ortsgruppe Oppau des Reichsbanners „Schwarz-Rot-Gold“. Die Schergen kamen in der großen Pause, erklärten ihn auf dem Schulhof für verhaftet, wollten ihn gleich abführen. Sie gestatteten ihm aber dann doch den Abschied von seinen Schülern in der Klasse. In die kam er ein letztes Mal, sagte zu uns, kreidebleich um Fassung ringend: „Ich bin soeben verhaftet worden. Ob wir uns wiedersehen, weiß ich nicht“. Ins Frankenthaler Gefängnis eingesperrt wurden am gleichen Morgen und in der Nacht noch die Sozialdemokraten

  1. Peter Trupp 2. Bürgermeister
  2. Johann Bittermann
  3. Franz Deml
  4. Jakob Drechsler
  5. Peter Eberspach
  6. Adam Frankenberger
  7. Alfred Gschwindt
  8. Werner Hardt
  9. Dominikus Krautschneider
  10. Friedrich Kuchenmeister
  11. Emil Leonhardt
  12. Karl Müller
  13. Johann Christian Reuther
  14. Anton Schneider

und die Kommunisten:

  1. Georg Süß
  2. Karl Lerch
  3. Jakob Rausch
  4. Peter Rausch

Sie alle waren „Schutzhäftlinge“. Zu den Ereignissen des denkwürdigen 10. März 1933 in Oppau gehört auch dieses: Eine tätliche Auseinandersetzung zwischen zwei verschwägerten politischen Gegnern, einem Nationalsozialisten und dem Sozialdemokraten Heinrich Haber. Dieser wurde, obwohl sein Kontrahent nur leichte Blessuren davontrug, vom „Sondergericht Frankenthal“ wegen „Landfriedensbruch“ zu 1 1/2 Jahren, die zu Mitbeteiligten gestempelten Freunde Kurt Engelhard und Ludwig Schmitt zu je einem Jahr Zuchthaus verurteilt.

Hüter Georg, der späte Prozess

1946, ein Jahr nach dem Untergang des dritten Reiches begann die Aufarbeitung des  damals begangenen Unrechtes. Dazu gehörte für die Oppauer Bürger auch die Klärung des Mordes an Georg Hüter im März 1933.

Der späte Prozess gegen den Mörder von Georg Hüter.

Dreizehn Jahre sollte es dauern, bis der Mord an Georg Hüter gesühnt wurde. Es war einer der ersten Prozesse nach 12 Jahren Nazidiktatur und nach einem schrecklichen Krieg. Außergewöhnlich war, die Hauptverhandlung der großen Strafkammer des Landgerichts Frankenthal fand am Ort des Geschehens, in Oppau, im Saal der Gaststätte „Zum grünen Haus“ statt.

Der Prozess, im September 1946, ging in die Annalen der Heimatgeschichte von Oppau ein. An ihm nahmen Teil: die Vertreter der Militärregierung, des Oberegierungspräsidiums der Pfalz, der Presse, des Rundfunks, über mehr als 200 Bürger, vornehmlich aus Oppau. Auch ich war bei dem zwei Tage dauernden Prozess dabei. Der Landgerichtsdirektor Dr. Wachter führte die Verhandlung, in der 35 Zeugen vernommen wurden. Generalstaatsanwalt Dr. Doller vom Oberlandesgericht Neustadt vertrat die Anklage gegen Hugo Schulze „wegen vorsätzlicher Tötung eines Menschen“.

Groß war die Spannung im Saal, als der Angeklagte aufgerufen wurde, sein Leben und den Tathergang zu schildern. Zur Überraschung der Zuhörer tat er dies sehr selbstbewußt, mit lebhaften Gesten seine Ausführungen unterstreichend. Aus seinem Lebenslauf soviel: Der selbstständige Spenglermeister gab an, daß er wegen unerlaubten Waffenbestitzes und wegen Verleitung zum Meineid vorbestraft sei.

Den Tathergang schilderte er so:

Am 9. März 1933 habe er seinen Geburtstag im Kreise von Nationalsozialisten im Frankenthaler Brauhauskeller gefeiert. Am frühen Morgen des 10. März sei er mit dem Motorrad zum Oppauer Rathaus gefahren, um dem Kreisleiter der NSDAP, Julius Henn, eine Nachricht zu übermitteln. Als er sich noch am Rathaus aufgehalten habe, sei Bürgermeister Dr. Zorn mit zwei Begleitern erschienen und in die Polizeiwache gestürmt. „Sie sind da und reißen die Fahne herunter“ hörte er rufen. Auf das Rathauspodest vorgesprungen, habe er gesehen, wie die Fahne sich senkte und eine Gruppe von Leuten mit einem „Vorläufer“ die Treppe heraufkam, der sich nach der Fahne reckte, um sie herunterzureißen. In diesem Augenblick habe er seine Pistole gezogen und dem Mann zugerufen: „Bleib von der Fahne zurück!“. Da sei ein Schuss gefallen, worauf er, ohne auf den Mann zu zielen, auch geschossen habe. Danach sei er mit dem Motorrad nach Frankenthal zurückgefahren.

Die Beweisaufnahme ergab, daß die vorgetragene Version des Angeklagten falsch war. Schon der erste Zeuge, ein ehemaliger Gerichtspräsident, der 1933 die Voruntersuchung geführt hatte, verlas die damalige Aussage des Angeklagten, die lautete:

„Ich war mir über meine Tat im Klaren. Ich habe kaltblütig auf den Kopf gezielt“.

Trotz dieses eindeutigen Bekenntnisses war zwar ein Strafverfahren gegen den Täter eingeleitet worden, das jedoch auf Grund einer Amnestie vom März 1933 eingestellt wurde

Im Verlauf des Prozesses erkannten und bezeichneten mehrere Zeugen in dem „Mann mit dem braunen Lederkittel“ den Täter. Zwei ehemalige Mitglieder der Nazipartei widerriefen im Zeugenstand ihre Aussage von 1933 und bekannten, daß sie zu Falschaussagen (durch die Partei) gezwungen wurden.

Das Plädoyer des Generalstaatsanwalts Dr. Doller geriet zum Höhepunkt der zweitägigen Hauptverhandlung, zu einer  Abrechnung mit dem Unrechtsstaat. Die Tat des Angeklagten, so der Ankläger, müsse vor dem Hintergrund der Reichstagswahlen vom 5. März 1933, bei denen Hitlers Partei, die NSDAP, ihr Ziel, die absolute Mehrheit im Reichstag zu erringen, nicht erreicht habe, gesehen und bewertet werden. Die Besetzung der Rathäuser, die Flaggenhissung mit der Hakenkreuzfahne war ein Willkürakt, ein Staatsstreich. Gegen den habe Bürgermeister Dr. Rudolf Zorn, aus seiner politischen Überzeugung heraus und in der Verteidigung des Rechtsstaates, mutig Widerstand geleistet.

Die Tat des Angeklagten beschrieb der Generalstaatsanwalt so: Nach einer durchzechten Nacht im Kreise siegestrunkener Nationalsozialisten fuhr dieser nach Oppau. In seiner Gesäßtasche trug er den Revolver, den er Tag und Nacht, ohne Waffenschein, mit sich führte. Auf dem Oppauer Rathaus angekommen sah er, wie sich Georg Hüter nach der sich senkenden Fahne reckte, ohne diese zu erreichen. In diesem Augenblick schießt ihn der Angeklagte brutal und kaltblütig nieder. Seine Tat zeugt von einer Herzenshärte, die für die Nationalsozialisten so typisch war.

Der Generalstaatsanwalt beantragte gegen den Angeklagten Hugo Schulze ein Zuchthausstrafe von 12 Jahren und 10 Jahre Ehrverlust. Das Gericht folgte diesem Antrag nicht, verurteilte den Täter zu 9 Jahren Zuchthaus. Die Zuhörer, Angehörige von Georg Hüter und Tatzeugen, empfanden das Urteil als zu milde.